Die Zeit heilt keine Wunden.... Man gewöhnt sich nur an den Schmerz.

Satre

Stimmen Sie Sartre zu, dass der Mensch in jedem Moment eine freie Wahl treffen kann und muss?

Geht man nach der Philosophie von Sartre, dann ist der Mensch per Zufall durch die eigene Geburt ins Leben geworfen worden und muss nun sein Leben selber in die Hand nehmen. Dies bedeutet in letzter Konsequenz, dass er zur Freiheit verdammt ist eben dieses Leben selber zu gestalten, indem er Entscheidungen trifft und für die daraus entstehenden Konsequenzen einsteht. Im Folgenden werde ich mich mit dieser Einstellung auseinander setzten und ihnen dar legen ob ich Sartre  zustimme, was die „freie Wahl“ betrifft.

Anmerken möchte ich aber zuvor noch, dass ich in meine Überlegung nur Menschen einbeziehe, die im vollen Besitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind. Demnach muss ich Kinder und geistig eingeschränkte Menschen aus meinen Überlegungen bewusst ausklammern, da ich nicht weiß wie es um ihren freien Willen bestimmt ist.

Zudem muss ich Opfer von Gewalttaten ausschließen, zum Beispiel Vergewaltigungsopfer, wie die junge Frau aus Amstetten, die von ihrem Vater Jahre lang im Keller eingesperrt und missbraucht wurde, oder Adriano Alberto, der im Sommer 2000 von Neonazis zu Tode geprügelt wurde, denn das hat er sicher nicht gewollt und eingerechnet, als er seine Wohnung verließ.

Während meiner Überlegungen musste ich mir die Frage stellen, wie es bei Gefängnisinsassen aussieht, die nicht frei entscheiden können was sie wann tun oder wohin sie gehen wollen. Nur dazu fiel mir dann ein, dass dies die Konsequenz einer Tat ist, die gegen das Gesetz verstoßen hat. Diese Tat haben Häftlinge mit eigenem Willen und im Bewusstsein etwas Verbotenes zu tun begangen und müssen nun die Konsequenzen tragen. Daher hat der eigene freie Wille und ihre eigenen Entscheidungen dazu geführt. Anders sieht die Sache für mich bei politischen Gefangenen aus. Demnach möchte ich auch diese Gruppe von meinen Überlegungen ausschließen.

Wenn ein Christ seinen Pfarrer fragt: „Wenn Gott so gut, barmherzig und allmächtig ist, warum gibt es dann so etwas wie Krieg und Mord?“ wird er mit großer Wahrscheinlichkeit folgende Antwort bekommen: „Gott schenkte uns Menschen den freien Willen.“ Mit diesem freien Willen ausgestattet werden die Menschen von Gott in die Welt entlassen. Ich bin der Meinung, dass man hier eine Parallele zu Sartres Gedankengut erkennen kann und auch wenn ich nicht religiös bin oder an Gott glaube, so denke ich schon, dass wir Menschen einen freien Willen besitzen Dinge zu tun oder zu unterlassen. Doch sind viele Menschen meiner Meinung nach mit dieser großen Freiheit etwas überfordert und geben ihre Wahlmöglichkeit an eine Autoritätsperson ab.

Betrachtet man das Milgram-Experiment, dass wir auch in der Vorlesung besprochen haben, dann bestätigt es meine Anschuldigung, dass Menschen sich gern hinter Autoritäten verstecken. Milgrim[1] wollte mit diesem Experiment die Frage klären, in wie weit normale Menschen bereit sind Gehorsam zu leisten und offensichtlich unmenschliche Anordnungen zu befolgen, die ihnen eine Autorität gegeben hat. Milgrim fragte sich wieso so viele Menschen unter dem NS-Regime bereit waren sich in den Tötungsdienst der Nazis zu stellen, beziehungsweise ob dies ein „deutscher Charakterfehler“ war oder ob es Situationen und Umstände gibt, in denen jeder normale Mensch dazu bereit ist einen anderen Menschen zu töten. An dem Experiment nahem 40 männliche Amerikaner teil, die aus verschieden Altersgruppen, Berufen und Bildungsständen stammten. Ihnen sagte man, dass es sich bei dem Versuch um ein Lernexperiment handle, das die Beziehung zwischen Bestrafung und Gedächtnis aufzeigen soll. Die Männer sollten die Rolle eines Lehrers einnehmen und die andere Gruppe angeblicher Versuchsteilnehmer die von Schülern (die „Schüler“ waren alle in die Details des Experimentes eingeweiht). Wenn der Schüler einen Fehler machte, so sollte der Lehrer ihm einen Stromschlag verabreichen und diese nach vorgeschriebener Weise regelmäßig zu erhöhen. Es gab insgesamt 30 Schalter dafür von 15 Volt, markiert als „leichter Schock“ bis hin zu 450 Volt, markiert als „Lebensgefahr“. Vor Beginn wurde den Teilnehmern von einem Versuchsleiter, einer Autorität, nochmals eingeschärft wie wichtig die unbedingte Einhaltung der Regeln sei, um das Experiment nicht zu gefährden. Die Lehrer konnten ihre Schüler nicht sehen, sondern nur hören. Der jeweilige Schüler sagte beiläufig vor Beginn, dass er ein leichtes Herzleiden habe, aber dennoch an dem Versuch teilnehmen wolle. Bei einer Spannung von 75 Volt stöhnte er laut, was der Lehrer hören konnte. Bei 180 Volt schrie er um Hilfe und bat das Experiment abzubrechen und bei 300 Volt schwieg er. Alle Versuchspersonen empfanden die Situation wohl als sehr unangenehm und flehten ihren Schüler an richtig zu reagieren, damit sie keine weiteren Schläge verabreichen müssen, aber nur ein Drittel der Versuchspersonen brach selbständig ab, jedoch erst bei 200 bis

400 Volt, niemand verweigerte also den Gehorsam unter 200 Volt. Der Rest verabreichte die mit „Lebensgefährlich“ gekennzeichneten 450 Volt und hätten einen Menschen damit umgebracht.

Was sich meiner Meinung nach daran zeigt ist, dass Menschen dazu neigen sich Autoritäten unter zu ordnen und somit die Entscheidungsgewallt in ihre Hände geben. Am Ende würde es dann heißen: „Man hatte mir gesagt ich soll dies tun…“. Aber: Schlussendlich hatten die Versuchsteilnehmer selber das Zepter in der Hand. Sie legten selber den Schalter um und haben sich bewusst dafür entschieden ein Experiment nicht zu gefährden, sondern einen Menschen zu töten. Und auch nur das zählte und zählt bei den Prozessen gegen die Nazis. Als Beispiel möchte ich hier Hanna Schmitz bringen, aus dem Roman „der Vorleser“ von Bernhard Schlink. Sie arbeitete als Aufseherin in einem Konzetrationslager. Vorher hatte sie die Möglichkeit in einer Firma eine leitende Position zu übernehmen, hat diese aber nicht wahr genommen, da sie Analphabetin ist und befürchtete, dass es auffallen könnte. Daraufhin nahm sie die Stelle bei der NS an. Hanna war sich der Ausmaße ihrer Taten bewusst und entschied sich bewusst dazu dies hinzunehmen, damit ihre Schwäche nicht auffällt. Sie wird bei einem Prozess dafür verantwortlich gemacht, dass mehrere Jüdinnen die unter ihrer Obhut standen, in einer Kirche verbrannten, da sie angeblich den einzigen Schlüssel besaß und das Tor nicht aufgeschlossen hatte. Das bewies ein von ihr unterschriebenes Formular. Aber da sie nicht schreiben konnte, war es unmöglich, dass sie die Verantwortliche war, die es unterschrieben hat. Da man ihr aber mit einer Schriftprobe drohte, nahm sie die Schuld bewusst auf sich, damit auch hier ihre Schwäche nicht aufgedeckt wurde. Aber: Sie hatte die freie Wahl sich zu entscheiden. Sie hätte sich die Blöße geben können und sich als Analphabetin zu erkennen geben können, was sie aber in beiden Fällen nicht tat und damit erstens bewusst den Tod vieler Mädchen und Frauen in Kauf genommen hat und zweitens sich selber in eine lebenslange Haft gebracht hat. Für mich ist dennoch klar, dass sie zu jeder Zeit die Wahl gehabt hätte. Sie hatte Angst, das gesteh ich ein. Aber ihr Wille war nicht determiniert. Viele in den Prozessen angehörte NS-Aufseher mögen argumentiert haben: „Man befahl mir das ich x tun sollte, sonst würde ich ebenfalls sterben.“ Dem Menschen ist seine eigene Haut näher als die anderer, was ich nachvollziehen kann. Allerdings haben auch diese Menschen vom Prinzip her die Wahl gehabt das Verlangte zu tun oder eben nicht und das Schicksal zu teilen. Zum Glück gibt und gab es aber Menschen, die nicht so dachten. Viele haben aus eigenem Antrieb die Gefahren in Kauf genommen und Juden geschützt, versteckt oder zur Flucht verholfen.

 

Da mich die Frage sehr beschäftigte, sprach ich mit einem Bekannten und fragte ihn, ob er Sartre zustimmen würde, was die freie Wahl anginge. Seiner Meinung nach können wir nie eine freie Wahl treffen, da wir uns (fast) immer der Konsequenz und deren Tragweite bewusst sein würden. Nachvollziehbar fand ich seinen Ansatz. Wenn man davon ausgeht, dass jede Aktion eine Reaktion hervorrufen wird, dann ist einem auch klar, dass sein Tun nicht ohne Folgen bleiben wird. Das würde also bedeuten, dass wir von den möglichen Konsequenzen unseres Handelns determiniert wären. Man kann davon ausgehen, dass jemand der etwas tun möchte vorher abwiegt, was geschehen könnte und dann entscheidet wie er handelt auf Grundlage der Überlegung. Ein Beispiel: Ein Ehepaar wird von den Eltern des Mannes zum Abendessen eingeladen. Die Ehefrau weiß aber, dass die Eltern sie nicht mögen und auf der anderen Seite mag sie ihre Schwiegereltern auch nicht. Sie muss sich nun entscheiden ob sie ihren Mann alleine zu dem Abendessen schickt, dann läuft sie Gefahr, dass der „Haussegen schief hängen“ wird, oder aber sie überwindet sich ihrem Mann zu Liebe mit zu gehen. In Hinblick, dass der Mensch durch die Konsequenzen determiniert sei, wird sie sich für die bequemere Lösung entscheiden, nämlich ihre eigenen Bedürfnisse zurück stecken und mit gehen. Diesen Gedanken sind sehr Folgen orientiert, also konsequenzialistisch. Allerdings sehe ich keinen Grund dafür warum hier nicht auch der Ansatz von Sartre greifen würde. Ich bin der Meinung, dass die Ehefrau dennoch frei entscheiden kann, was sie tun möchte. Natürlich muss sie sich der Folgen bewusst sein und wahrscheinlich wird sie den Frieden wahren wollen, aber sie könnte sich auch dagegen entscheiden. Sie muss nur wissen mit welcher Konsequenz sie leben will, tut dies dann aber ohne, dass ihr jemand diese Entscheidung abnimmt oder gar für sie trifft. Eher noch würde ich behaupten, dass dies ein weiteres Beispiel dafür ist, das wir Menschen uns gern frei dafür entscheiden unsere Verantwortung in die Hände eines anderen zu legen. Denn wenn ihr Mann sie fragt, warum sie sich für das Abendessen entschieden hat, wird sie wahrscheinlich sagen, dass sie es nur ihm zur Liebe getan hat und es eigentlich gar nicht wollte.

 

Abschließend möchte ich noch einmal festhalten:

Egal ob ein Gott uns dieses etwas geschenkt hat, dass man freien Willen nennt oder ob wir durch Zufall an ihn gebunden sind, stimme ich Sartre ganz klar zu, dass wir uns immer und überall frei entscheiden können oder auch müssen. Auch wenn das Leben wahrscheinlich viel einfacherer wäre, wenn wir es nicht müssten und auch viele Menschen gern ihre Verantwortung abgeben wollen würden, so sind immer wir die, die selber für unsere Taten einstehen müssen, da wir auch selber diese durchgeführt haben und uns dafür entschieden haben. Beeinflussende Faktoren mag es geben, dass bestreite ich nicht. Aber ich muss mich entscheiden ob ich mich zum Beispiel von Angst oder Hass beeinflussen lasse oder nicht. Wäre es anders, dann wären zum Beispiel Sklaven unserer eigenen Angst und das ist etwas, womit ich nicht leben will und auch nicht kann.



29.8.11 21:34

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Maccabros / Website (31.8.11 17:48)
zur Freiheit verdammt?

Nun, es gibt kein Gut und kein Böse - nur Entscheidungen und KOnsequenzen...

LG

Maccabros

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