Die Zeit heilt keine Wunden.... Man gewöhnt sich nur an den Schmerz.

Nachts allein in der Bibliothek

Man kennt das ja: Studenten sind vom Grundsatz her immer erst mal faul. Zumindest bis zu dem Punkt, an dem der Abgabetermin für Hausarbeiten schon fast da ist. So bin auch ich, Jana. Zwar hatte ich mit meiner Hausarbeit schon zeitig begonnen, aber da man mich dazu verdonnert hatte andere Literatur mit einzubeziehen, hatte ich noch ein Problem: Welche. Also hieß es kurz vor knapp ab in die Bibliothek und Bücher wälzen, damit ich irgendetwas fand, dass auch nur im Entferntesten etwas mit meinem Thema zu tun haben könnte. Es ist glaub ich überflüssig zu erwähnen, dass ich keine Lust hatte.  Aber es nutze alles nichts, also ging ich mit einer Thermoskanne frischen Kaffees bewaffnet in die dritte Etage der Bibliothek, da sich dort die Fachbücher für Psychologie befanden und machte mich mürrisch an die Arbeit. Zwischenzeitlich fand ich das ein oder andere Buch nicht, dass mir unser kompliziertes Onlineverzeichnis vorschlug, daher bat ich das ein oder andere Mal den wirklich süßen Bibliothekar, Nico, um Hilfe. Er hatte kurzes dunkles Haar, dessen widerspenstigen Strähnen ihm ins Gesicht fielen und ihn aussehen ließen wie ein Lausebengel, aber auch gleichzeitig wie ein dunkler Erzengel. Irgendwie musste ich bei ihm an den Zauberlehrling denken, aber keine Ahnung warum. Verschmitzt warf er mir jedes Mal wenn ich ankam ein atemberaubendes Lächeln zu, sodass ich mein Herz daran erinnern musste gefälligst weiter zu schlagen. Zugegeben, dass ein oder andere mal vielleicht, hätte ich seine Hilfe nicht gebraucht, aber er war halt zum Anbeißen und wenn er sich für mich streckte, um mir ein Buch aus der natürlich obersten Reihe zu holen, zeichneten sich seine perfekt gemeißelten Bauchmuskeln außerordentlich gut gegen sein Oberteil ab (Sabber). Aber ich war ja nicht hier um mir Kopfkinos mit dem Bibliothekar zu fahren, sondern um zu arbeiten. Also wieder auf ans Werk. Stunde um Stunde wälzte ich dicke Schinken, von Freud über Maslow und Skinner. Es war ermüdend. So ermüdend, dass mir über einen Artikel von Freud schließlich die Augen zu glitten. Doch ich konnte so lange nicht geschlafen haben, aber zumindest so lang, dass die großen Lichter der Bibliothek schon erloschen waren und nur noch meine kleine Platzleuchte ihr Licht ungebeugt spendete. Kurzer Hand war ich hellwach und ging durch die Regalgänge, die über und über vollgestopft waren mit alten und neuen Büchern. „Hallo?“ fragte ich zaghaft und leise. Nix. Kein Laut war zu hören, außer meine Schritte die vom Teppichboden gedämpft wurden. Ich knipste noch ein paar kleine Tischleuchten an, um etwas mehr sehen zu können und ging zur Tür, die an jeder Etage in das große Treppenhaus führte, die die einzelnen Stockwerke mit einander verband, über der das grüne Schild für Ausgang ebenfalls sein scheues Licht abgab. Sie war offen. Zum Glück lag das Foyer in Richtung des Vollmondes, der am Himmel stand und tauchte es in ein schauriges graues Licht. Tapfer marschierte ich durch das unheimliche Zwielicht auf die große Tür zu. Diese allerdings war abgeschlossen. Mist. Ich traute mich nicht zu sehr daran zu rütteln, da sonst wahrscheinlich der Alarm los gegangen wäre und das hätte mir sicher eine ganze Menge Ärger eingebrockt. Mein Handy hatte ich dusselige Kuh natürlich nicht mit in die Bibliothek genommen, da ich von niemandem gestört werden wollte. Klasse. Aber naja. Wenn ich schon mal hier war, dann konnte ich ebenso gut weiter arbeiten. Also ging ich wieder an meinen Arbeitsplatz zurück, an dem ich ja auch noch meine Tasche stehen gelassen hatte und widmete mich wieder Sigmund Freuds Artikel über Traumanalyse. Doch es dauerte nicht lang, da übermannte mich wieder die Müdigkeit und ich sank wieder in tiefen Schlaf. Es dauerte aber wieder nicht lange bis ich von einer strengen Männerstimme geweckt wurden: „So geht das aber nicht junge Dame. Das ist eine Bibliothek, kein Schlafzimmer.“ Verschlafen hob ich den Kopf und streckte meine Glieder, die von der nicht grade optimalen Schlafposition steif geworden waren. Augen reibend schaute ich zur Quelle der Stimme. Da stand ein Mann vor mir, mit weißem Vollbart und Halbglatze in einem altmodischen Anzug gekleidet. Auch wenn ich kein Modegenie war, so tippte ich darauf, dass der Stil wohl aus den frühen zwanziger Jahren stammte. Er sah Sigmund Freud verdammt ähnlich. Moment… Ich rieb mir noch mal die Augen und mit einem Schlag war ich hellwach. Das konnte ja jetzt nicht wahr sein. Nein, ich fing definitiv an zu spinnen, zu fantasieren oder sonst was. Vor mir konnte doch nicht tatsächlich Sigmund Freud stehen. Schließlich war der Knabe vor gut und gern neunzig Jahren gestorben. „Was starren sie mich so an, junge Dame? Das ist unhöflich.“ Verdattert klappte mein Mund auf und wieder zu ohne das ich fähig war dem Mann vor mir eine Antwort zu geben. „Ich äh… ich…“ wow. Ich benahm mich wie eine geisteskranke, gut, dass ein Psychologe vor mir stand. Oh Gott! Wenn die Situation nicht so abgedreht gewesen wäre, dann wäre mir mein Benehmen äußerst peinlich gewesen. Es fehlte eigentlich nur, dass auch die Romanfiguren aus der Literaturabteilung zum Leben erwachten. Grade stellte ich mir vor, wie die „Maulende Myrte“ aus Harry Potter sich Herrn Freuds Gemecker anschließen würde, oder zumindest der Graf Dracula, aus gleichnamigem Roman von Bram Storker, sich zu uns gesellen würde, als Nico um die Ecke bog. Na klasse. Somit war der Wahnsinn dann komplett. „Herr Freud? Was machen sie da?“ „Ich unterhalte mich mit dieser unhöflichen Person, zumindest würde ich das tun, wenn das Gör nicht nur Luftlöcher starren würde, sondern mal antworten würde, wenn ich sie etwas frage. So gestaltet sich die Kommunikation äußerst einseitig.“  Nico lächelte ein unglaublich spitzbübisches und hinreißendes Lächeln. Wenn ich nicht so verwirrt gewesen wäre, dann wäre ich sicher (mal wieder) dahin geschmolzen. „Sigmund, ich glaub du hast die gute erschreckt. Schließlich bist du eigentlich… naja… tot halt.“ „Mein junger Freund Nico, sehe ich aus, als wäre ich tot? Meine Theorien und Gedanken werden den Rotzlöffeln immer noch gelehrt. Solange sich Leute an mich erinnern, so lange werde ich weiter leben.“ Wieder dieses hinreisende Lächeln von Nico, als er antwortet: „Nun, aber es ist für normale Leute schon etwas verwirrend, wenn sie Leute treffen, von denen Gott und die Welt  denkt, sie seien tot. Also sei so freundlich und entschuldige dich bitte.“ Ich beobachtete stumm die bizarre Szene die sich vor meinen Augen abspielte. Ja, eindeutig: ich wurde plemplem… „Verzeiht, werte Jana, dass ich euch einen Schrecken eingejagt habe, das war nicht meine Absicht.“ Er beugte sich zu mir runter, da ich ja immer noch wie klein Doofi auf meinem Stuhl saß, nahm meine Hand und deutete einen Handkuss an. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber: es war einfach zu irre. „Wie ich sehe, so lesen sie meinen Artikel über Traumanalyse, junge Dame.“ „Ähm.. ja…“ Ohja Jana, dass war sehr klug und klang sicher extrem gebildet. Eigentlich hatte ich auch noch nicht viel von dem Artikel gelesen, sondern hatte ihn ja eher als Kopfkissen missbraucht. Aber das sind ignorierbare Kleinigkeiten. Ich versuchte erneut meine Sprache zurück zu gewinnen und etwas geistreicher hinzu zufügen: „Ich studiere das Fach Psychologie und schreibe eine Hausarbeit über das Thema „Traumdeutung: Unfug oder Wissenschaft“. Da kam mir ihr Artikel natürlich wie gerufen.“ Freud nickte anerkennend und Nico schien ein Lachen kaum noch unterdrücken zu können. Also ich fand die Situation gar nicht witzig! „Sigmund, was würdest du dann jetzt davon halten, wenn du Jana nicht weiter von ihrer Arbeit abhalten würdest und dich stattdessen im Foyer mit Immanuel und John Paul zu deiner abendlichen Diskussionsrunde treffen würdest? Ich bin sicher Marie ist auch schon da.“ Wenn mein Blick nicht schon vorher so sehr der einer geisteskranken Vollidioten geähnelt hätte, dann aber spätestens jetzt. Immanuel? Kant etwa? Oho… meine um meine geistige Gesundheit war es wohl wirklich nicht zum Besten bestellt. Und das muss ich ja schließlich wissen, denn ich studiere dieses Fach schließlich schon seit einigen Semestern. Als ich mich damals eingeschrieben hatte, hätte ich nicht gedacht, dass ich irgendwann mal auf der Couch liegen würde. Eigentlich hatte ich eher daran gedacht auf dem Stuhl daneben zu sitzen und Leuten bei ihren Problemen zu helfen… Freud verabschiedete sich schließlich, da ja Nico Recht hätte und er seine Freunde nicht warten lassen wolle. Mit einem „Entschuldigt mich also bitte, ich wünsche euch noch eine angenehme Nacht.“ „Tschüss“ war das einzige was ich geistreich zurück geben konnte. Ja… ich war wirklich megaintelligent und klug. „Was machst du eigentlich noch hier?“ fragte mich Nico, als ich so gar nicht intelligent Freud hinterher starrte. „Äh…“ „Ja?“ „Also ich denke ich bin eingeschlafen. Machst du denn keinen Kontrollgang, bevor du hier abschließt? Du hast mich hier vergessen und eingesperrt. Nebenbei bemerkt: Hier ist es ganz schön gruselig, also nachts mein ich.“ Nico lachte herzhaft auf: „Oh Jana. Du hast doch nicht etwa Angst vor ein paar Büchern… Aber du hast natürlich recht. Ich war eben in Eile und hab eben mal ausnahmsweise nicht kontrolliert ob sich noch jemand hier aufhält. Ich weiß, dass war falsch. Aber hier ist noch nie was passiert, also dachte ich, dass es dieses eine mal bestimmt auch so ist und ich einfach gehen kann. Konnte ja nicht wissen, dass du so fleißig schläfst.“ „Hey ich hab gearbeitet“ Er grinste. „Ja das hat Sigmund gesehen.“ Ich sah ihn bitterböse an: „und was heißt hier eigentlich ‚es passiert so wie so nie was‘… Ist das etwa normal, dass Aladin und die vierzig Räuber sich mal so mir nichts dir nichts aus ihrer Romanvorlage befreien und die Schlaft um Waterloo nachstellen?“ Wieder grinste er, und gab mir zurück: „Nun eigentlich sind die Romanfiguren eher schüchtern. Sie bleiben gern unter ihres Gleichen. Aber bei Sigmund und seinen Freunden ist das was anderes. Sie treffen sich regelmäßig zum Diskutieren.“ „Ahja…“ „Ja. Also als ich das erste mal die Gruppe von ihnen gesehen hab, bin ich auch vor Schreck fast wieder aus der Tür gefallen. Mittlerweile find ichs aber ganz cool. Die Themen sind immer sehr spannend und es macht Spaß ihnen zu zuhören. Also du brauchst wirklich keine Angst haben. Es wird dich schon kein Drache hier drin fressen oder sowas.“ „Na du, aber da bin ich doch direkt erleichtert…“ Nico nahm mich am Arm und führte mich runter in sein Büro. Dort gab er mir einen Kaffee und während ich dort so saß, fing ich auch schon so langsam an, die Sache aus dem dritten Stock zu vergessen und es kehrte wieder Ruhe in mir ein.  Allerdings half das Koffein nicht wirklich und so dämmerte ich wieder weg…

 

Als ich wieder wach wurde dämmerte bereits der Morgen. Verwirrt sah ich mich um. Wie war ich denn jetzt schon wieder in den dritten Stock gekommen? Unter mir lag, als sei nichts gewesen, immer noch der Artikel über Traumanalyse. Hatte ich das nur geträumt? Aber es war so… so real. Ich weiß nicht, wie lang ich hier noch so gesessen hatte und verdattert den Artikel angestarrt haben muss, aber doch so lang, dass ich die ersten fleißigen Studenten hier rumwuseln hörte. Schnell kramte ich meine Sachen zusammen und verließ die Bibliothek. Nico traf ich nicht, aber das war wahrscheinlich auch besser so. Was ich jetzt dringend brauchte war eine Dusche und ein ordentliches Frühstück. Aber letzte Nacht…? Das konnte doch kein Traum gewesen sein, oder doch?

10.9.11 20:38

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